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Ein Herz für Landwirte

Ein Herz für Landwirte
(Bild: Oliver Hofmann)

Biberach – Ein Herz für Landwirte – das ist die Botschaft des Politischen Aschermittwochs der Grünen in Biberach. Ministerpräsident Kretschmann fordert die Menschen auf, beim Essen nicht geizig zu sein.

Landwirte und Grünen-Politiker sind sich nicht immer grün. Etwa bei der Frage, wieviel Nitrat beim Düngen in den Boden darf, wieviel Chemie auf dem Feld erlaubt ist und wieviel Aufwand für das Tierwohl im Stall getrieben werden muss – nur drei von vielen Reizthemen in der Landwirtschaftspolitik. Bauernverbände demonstrieren daher gern, wenn sich Grünen-Politiker zum Politischen Aschermittwoch in Biberach treffen.

Diesmal hatte das Team um Winfried Kretschmann eine neue Strategie, mit Bauernprotest umzugehen: entschärfen durch umarmen. „Wir begrüßen die Landwirte vor der Halle“, rief die Bundesvorsitzende der Partei Annalena Baerbock in den Saal. „Geht nachher zu ihnen und diskutiert mit ihnen“. Darauf hatten nach drei Stunden Rednerprogramm in der beengten Gigelberghalle nicht mehr viele Besucher Lust, aber die Bauernitiative „Land schafft Verbindung“ erlebte eine neue Form grüner Zuhör-Kultur: Die Reden wurden per Lautsprecher aus der vollbesetzten Halle auf den Vorplatz übertragen. Und Ministerpräsident Kretschmann lobte seine Abwehr des Artenschutz-Volksbegehrens als Modell für einen guten Umgang mit den Landwirten: Er habe ein „Stoppschild“ gesetzt, weil die Forderungen „über das Ziel hinaus geschossen“ seien. Mit dem Kompromiss seien Bauern und Umweltschützer einverstanden.

Beim Artenschutz müsse sich aber was tun: Die Zahl der Insektenarten in Deutschland sei seit 2008 um ein Drittel zurückgegangen. Eine Ursache: Der Drang der Verbraucher zu billigen Lebensmitteln. Die Leute investierten nur noch 14 Prozent ihres Einkommens fürs Essen. „Die Deutschen geben am meisten Geld für ihre Küchen aus – und sparen es sich dann vom Munde ab. Das macht keinen Sinn.“ Er forderte einen „Gesellschaftsvertrag zwischen Handel, Verbrauchern und Landwirten“ mit dem Ziel fairer Erzeugerpreise. Schuld am Billigfleisch sei auch die Massentierhaltung mit der Bevorzugung von Großbetrieben. „Wenn in Brüssel 80 Prozent der Direktzahlungen an nur 20 Prozent der Betriebe gehen, stimmt etwas nicht“.

Darauf war vor ihm auch Annalena Baerbock zu sprechen gekommen: „Ich komme aus Brandenburg: zwei Millionen Menschen, neun Millionen Hühner. Was hat das noch mit bäuerlicher Landwirtschaft zu tun?“ Die verschärfte Düngemittelverordnung verteidigte sie aber. „Was für die Umwelt nicht gut ist, kann nicht gut für den Landwirt sein“.
Das andere große Thema des Politischen Aschermittwochs waren der Rechtsextremismus und der Anschlag von Hanau. Alle Redner, auch Biberachs OB Norbert Zeidler in seiner Begrüßung, spannten einen Bogen vom Auftreten der AfD hin zu dem Terror-Ereignis mit seinen zehn Todesopfern. „Die Ermordeten waren keine Fremden, sondern Freunde, Nachbarn, Kollegen und Mitbürger“, sagte die Landesvorsitzende Sandra Detzer.
Und Kretschmann zitierte aus einer Mitteilung eines AfD-Landtagsabgeordneten, der sich mit der Abstammung der grünen Landtagspräsidentin Muhterem Aras auseinandersetzte. „Das ist Nazi-Ideologie, wenn man die Identität einer Person aus ihrer Abstammung herleitet“.

Seit 25 Jahren
Der Politische Aschermittwoch der Grünen in Biberach hatte jetzt seine 25. Auflage. 1996 hatte ein Team um den damaligen Kreisvorsitzenden Eugen Schlachter, der jetzt die Veranstaltung moderierte, das Event ins Leben gerufen. Im Lauf der Jahre traten Grünen-Promis wie Joschka Fischer, Rezzo Schlauch und Fritz Kuhn in Biberach auf.