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Der Neuanfang in Biberach

Der Neuanfang in Biberach
Neben ihrem Zeitungs-Job stellt Mesale Tolu ihr Buch über ihre Haft in der Türkei bei Lesungen vor. (FOTO: ULI LANDTHALER)

Biberach war für Mesale Tolu der „erste Hafen“ nach ihrer Haft in der Türkei. Die Ulmer Journalistin, deren Verhaftung 2017 eine bundesweite Welle von Solidaritätsbekundungen auslöste, hat ein Buch über ihre Zeit im Gefängnis geschrieben und in der vollbesetzten Stadtbücherei vorgestellt. Noch bis Weihnachten ist sie berufl ich als angehende Zeitungsredakteurin in der Region unterwegs.

REGION – So schlimm die Zeit im türkischen Frauengefängnis gewesen sein muss – äußerlich hat Mesale Tolu sie gut bewältigt. Konzentriert, aber auch gelöst liest sie Passagen aus ihrem Buch „Mein Sohn bleibt bei mir“ und schickt Erklärungen über die Hintergründe voraus. Sie erzählt, wie im April 2017 vermummte, schwarzgewandete Männer mit Maschinenpistolen ihre Wohnung in Istanbul gestürmt haben, sie zu Boden geworfen und beschimpft und schließlich mitgenommen haben.

Der zweijährige Sohn musste dableiben und wurde einem Nachbarn übergeben. Sie berichtet, wie man beim Verhör immer wieder subtil auf die Lage ihres Sohnes angespielt habe, um sie zum Reden zu bringen. Ihre Antwort damals: „Machen Sie Ihren Job, aber ich werde Ihnen nicht dabei helfen“. Dabei wird nie ganz klar, was man ihr genau vorwirft. Tolu ist Deutsche, die ihre türkische Staatsangehörigkeit abgelegt hat. Und sie hat, so schildert sie, vor Jahren an einigen genehmigten Kundgebungen teilgenommen – das reicht für den Vorwurf der „Terrorpropaganda“, mit dem in der Türkei hunderte Medienleute inhaftiert wurden.

Sie erzählt von entwürdigenden Leibesvisitationen in der U-Haft und dem herablassenden Verhalten der Wärterinnen: „Wozu sind Menschen in der Lage, wenn Sie Macht bekommen?“ – und im harten Gegensatz dazu steht die grenzenlose Solidarität der Gefangenen in „B 6“, der Abteilung, in der politische Häftlinge, darunter viele Medienleute, zusammmen untergebracht waren. Man half sich, wo man konnte, und als Tolu die Möglichkeit nutzte, ihren Sohn zu sich in die Zelle zu holen, kümmerten sich alle um ihn.

„Das war die richtige Entscheidung, weil ich ihm erklären konnte, dass ich ihn nicht absichtlich verlassen habe.“ Das nämlich habe man dem völlig verstörten Jungen eingeredet. Und sie berichtet von den absurden Umständen ihrer Freilassung nach neun Monaten. Weil die Polizei den wartenden Presseleuten das Fotomotiv nicht gönnen wollte, wurde Mesale Tolu heimlich aus dem Gefängnis geschafft und in einen abgelegenen Polizeiposten gebracht. Da stöberte sie irgendwann der deutsche Botschafter auf und erzwang die Freilassung mit der Ankündigung:

„Ich gehe hier erst wieder weg, wenn ich Frau Tolu mitnehmen kann“. Ihr wurde aber die Ausreise verweigert, es dauerte weitere Monate, bis die Familie – auch der Ehemann war inhaftiert worden – wieder im heimischen Neu-Ulm beisammen war. Der Sohn hat die Erlebnisse inzwischen verarbeitet, erzählt sie. „Er ist nicht traumatisiert“. Tolu, die als Journalistin und Übersetzerin gearbeitet hatte, hat einen neuen berufl ichen Weg eingeschlagen. Sie hat das Buch über ihre Zeit im Gefängnis geschrieben, sie hält Vorträge – und sie macht ein Volontariat bei der hiesigen Tageszeitung.

„Die Biberacher haben mich warmherzig aufgenommen“, berichtet sie, auch wenn sie sich am Anfang erst noch orientieren musste. Bis kurz vor Weihnachten ist sie noch dienstlich in Biberach unterwegs, dann folgen Stationen bei den Radio- und Fernsehsendern in ihrer Heimatregion Ulm.

Prozess geht weiter

„Warum es noch nicht zu Ende ist“, heißt der Untertitel ihres Buches. Das kann man auf zweierlei Weise verstehen: Die Menschenrechtslage in der Türkei ist schlecht, viele Kollegen sitzen in Haft. Ihre Zellennachbarin schon seit 15 Jahren, „und sie weiß, dass sie auch die nächsten 15 Jahr nicht herauskommen wird“. Und ihr Gerichtsverfahren in der Türkei unter anderem wegen „Terrorpropaganda“ ist noch nicht zu Ende. Es gibt einen neuen Prozesstermin: Der 25. Februar 2020.

Uli Landthaler