Ausgaben

„Am Schluss ist Ende“ – Gardi Hutter spricht mit uns über ihre „GAIA GAUDI“

„Am Schluss ist Ende“ – Gardi Hutter spricht mit uns über ihre „GAIA GAUDI“
Gardi Hutter kommt am 11. Oktober mit ihrer „GAIA GAUDI“ in die Biberacher Stadthalle (Foto: PR/Hajo Schueler)

Gardi Hutter beehrt bald Biberach, im Zuge des Kabarettherbsts. Am 11. Oktober bringt die Schweizer Schauspielerin und Clown-Komödiantin mit ihrer „GAIA GAUDI“ große Freude in die Stadthalle – auch wenn in diesem Stück die Hauptrolle Hanna von Beginn an tot ist. Wir haben bei Gardi Hutter nachgefragt, warum ihr Programm trotzdem urkomisch ist…

Frau Hutter, Ihre Art von Unterhaltung kommt zumeist ohne Akustik aus. Ganz schön schwere Aufgabe, das Publikum nur durch visuelle Anreize bei Laune zu halten, oder? Wie gelingt Ihnen das?

Die Sprache ist unser genauster Ausdruck, aber sie schließt auch am meisten aus. Mein clowneskes Brabbeln ist zwar Sprache, aber es ist noch kein eindeutiges Wort und kann vielseitig gedeutet werden. Das Wunderbare ist, dass mich die Zuschauer von China bis Brasilien bis Biberach auf Anhieb verstehen.  Und obwohl sie alle eine andere Sprache sprechen, lachen sie alle an den gleichen Stellen. Clowneskes Theater passiert auf einer emotionaleren, archaischeren Ebene. Es mäandert zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein. Warum es mir gelingt? Weil es mich so fasziniert.

In ihrer aktuellen Theaterreihe „GAIA GAUDI“ geht es vorrangig um den Tod der Hauptfigur Hanna. Wie sind sie darauf gekommen, Komödie und Tod unter einen Hut zu stecken?

Komik und Tod sind eng verbunden. Für die Komik ist nur die größtmögliche Katastrophe gut genug. Nur so kann die Tragik in die Komik kippen. Der Tod ist sozusagen unser Ur-Scheitern. Wir können noch so genial sein, und nach allen Organen vielleicht auch noch das Hirn transplantieren: am Schluss ist Ende. Um diese unfassbare Grausamkeit abzufedern, hat der Mensch wohl die ganze Kunst, ob religiöser oder philosophischer Art, erst erfunden. Und er hat das Lachen erfunden, um mit dem Schrecken zurecht zu kommen. Der Clown lacht über den Schrecken. Lachen mindert die Angst. Weinen ist Natur, Lachen Kultur. 

Jeder von uns hat seine eigenen Erfahrungen mit dem Tod. Haben Sie keine Angst, etwas Negatives bei Ihrem Publikum auszulösen?

Nein. Über den Schrecken zu lachen, tröstet die Seele. Früher war der Tod im Alltag allgegenwärtig. In unserer Gesellschaft ist er tabuisiert, er wird im Spital versteckt. Viele Zuschauer sagen mir, dass ihnen der Kiefer vom Lachen wehtut, dass sie aber auch ein bisschen weinen mussten. Gibt es eine tiefere Entspannung, als Lachen und Weinen zugleich? Für uns Spieler gibt es keine schönere Wirkung, als wenn der Zuschauer die ganze Palette der Emotionen durchlebt.

Ist es Ihnen schon mal passiert, dass das Publikum nicht auf Sie anspricht? Was ist dann ihr „Plan B“?

Es gibt manchmal stille Abende. Dann ist man als Anfänger versucht, zu forcieren. Das Gegenteil ist aber wirksamer: sich zurücknehmen, nichts erwarten, dem Zuschauer Zeit lassen – und mit seltenen Ausnahmen klappt es.

Wie schaffen Sie es in ihrem Stück „GAIA GAUDI“ den Tod als etwas Komisches darzustellen? 

Der Clown, und alle seine komischen Kollegen, sind uralte Masken, die sich überall auf der Welt aus alten Volksfesten herausgebildet haben. Ob Fasnacht oder Halloween, ursprünglich ging es um die Vertreibung von Winterdämonen und Totengeistern. Ein Spielen, Festen und sich Berauschen der Noch-Lebenden. Ein Clown macht also weder Psychodramen noch Performance. Es geht ums Spielen selbst. Nichts ist so ernst, um ernstgenommen zu werden. Und nichts ist so kompliziert, um nicht von allen verstanden zu werden.

Wie regelt sich das, wenn man gerade traurig ist, aber ein Auftritt ansteht, der ja eigentlich pure Freude ausstrahlen soll? 

Der größte Irrtum von Künstlern ist, dass es um sie persönlich geht. Es ist aber die Rolle, die die Leute ins Theater lockt. Wenn es mir nicht gut geht, habe ich einfach eine professionelle Grundhaltung: ich mache meine Arbeit! Und meistens bewirkt das Lachen des Publikums auch bei mir Erleichterung.

Üben Sie Ihre Stücke eigentlich vor dem Spiegel ein? 

Auf keinen Fall vor dem Spiegel! Das Spiel muss von innen kommen, die Gefühle müssen echt sein. Im Spiegel spielt man sich selbst etwas vor und urteilt nur noch äußerlich. Man macht Posen und ist damit voll im Klischee gefangen.

Woher kam die Inspiration zur „GAIA GAUDI“?

 In keiner anderen Zeit lebten verschiedene Generationen so lange gleichzeitig. Und in keiner anderen Gesellschaft waren die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern so intensiv, und so entspannt. Die Überalterung der Gesellschaft wird in den Medien als Problem und tickende Zeitbombe beschrieben. Die moderne Langlebigkeit ist aber eine enorme Chance. Eltern können ihre Erfahrung und ihr Wissen persönlich weitergeben. Kinder hingegen bringen die Energie des Spiels und der Erneuerung mit. Die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern tragen in sich die Möglichkeit der gegenseitigen Bereicherung, Inspiration und Unterstützung. Somit könnte genau diese Polarisierung zu einer friedvollen Gesellschaft beitragen.

Sie stehen bereits seit mehr als 30 Jahren auf der Bühne. Wie ist es, sich als Frau zu behaupten? Welche Unterschiede merken Sie zu männlichen Berufsgenossen?

Alle freischaffenden, selbstverantwortlichen Künstler, ob Mann oder Frau, sind den lauen oder frostigen Winden des freien Marktes ausgesetzt. Das prägt wohl bei beiden Geschlechtern gleich. Was halt immer noch ist: die Frauen sind überall eine Minderheit, ob auf der Bühne oder in der Organisation. Es ändert sich…..aber langsam.

Waren Sie schon mal in Biberach und nehmen Sie sich die Zeit, die Umgebung anzuschauen?

Biberach habe ich in bester Erinnerung! Das erste Mal habe ich 1993 gespielt und dann weitere fünf Mal. Wir sind quasi ein gutes Team und alte Freunde.

Sie haben schon viele nationale und internationale Auszeichnungen erhalten. Auf welche Ihrer Auszeichnungen und Preise sind Sie besonders stolz und welche(r) fehlt noch in Ihrer Sammlung? 

Dieses Jahr bekomme ich den HONORARY COMPANION von der ZHdK – der Universität der Künste von Zürich. Es freut mich, dass ein Clown von einer Universität geehrt wird. Sind wir Clowns doch oft als „nur Unterhaltung“ von der „hohen Kunst“ ausgeschlossen. Dabei ist es sehr viel schwieriger, die Leute zum Lachen, denn zum Weinen zu bringen.

Und worauf dürfen wir uns in Zukunft von Ihnen freuen? Woran arbeiten Sie im Moment?

Im Moment versuche ich mich zu erholen. Eine neue Produktion beinhaltet ein Jahr intensivster Arbeit. Als Produzentin ist der Stress am Schlimmsten: Wird es etwas, funktioniert die Idee? Vor einer Premiere schlafe ich nicht mehr gut. Und nach der Premiere ist einerseits eine tiefe Entspannung: es ist gelungen. Und andererseits macht sich ein schwarzes Loch an Erschöpfung auf.

Laura Hummler