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Als der Qualm durchs Rauchloch verschwand

Als der Qualm durchs Rauchloch verschwand
Blick ins Innere: Mieter Dominik Poss (links) und Fachwerk-Experte Bernhard Otto vor dem historischen Gebälk. (Bild: Uli Landthaler)

Welches ist das älteste Haus in Biberach? Es ist die Zeughausgasse 4. In dem 700 Jahre alten Gebäude wurde bis 1985 tatsächlich gewohnt. Heute residiert hier ein Fachmann für das Herrichten alter Gebäude. Ein Besuch im Büro von Architekt Dominik Poss.

BIBERACH – Bei unserem Interview vom 12. September mit Stadtführerin Biljana Wieland und Stadtmarketing-Leiterin Inge Voss hat die Redaktion fälschlicherweise das Kleeblatt- Haus am Marktplatz als das älteste Biberacher Haus genannt. Tatsache ist: Es gibt etliche sehr alte Häuser in der mittelalterlichen Biberacher Altstadt. Neben dem Kleeblatt-Haus ist es zum Beispiel das Gasthaus Roter Ochse am Marktplatz und einige Häuser am Weberberg. Das älteste aber steht in der Zeughausgasse in der Nähe vom Ochsenhauser Hof und ist eine wichtige Station der Biberacher Stadtführungen.

Das Baujahr laut dendochronologischer Untersuchung: 1319. Das Haus gehört heute der Stadt, die es Ende der 1980er Jahre aufwendig restaurieren ließ und dann nach der ersten Nutzung als Erweiterung des Museums einen würdigen Mieter gefunden hat: Dominik Poss hat hier sein Architekturbüro und ist selber Fachmann für die behutsame Restaurierung historischer Gebäude. Und diese Aufgabe kann man gut oder schlecht erledigen, wie er zusammen mit Altstadt- Experte Bernhard Otto im Gespräch deutlich macht. Die von Architekt Günter Schmitt 1986 restaurierte Zeughausgasse 4 ist ein Beispiel, wie man es gut machen kann. Gründlichkeitsfanatiker Schmitt hat das Projekt eigens in einem Buch dokumentiert.

Rauchloch im Dach

Wer 1319 das Haus gebaut hat, ist nicht überliefert. „Es waren keine Reichen“, sagt Otto, „aber auch keine armen Leute“. Es ist ein für die damalige Zeit typisches Wohnhaus mit Platz zum Lagern und für Handwerksausübung im Erdgeschoss, aber auch, mit dem 30 Jahre später hinzugefügten Anbau, für Nutztierhaltung – ein paar Hühner oder Ziegen hatte damals jeder.

„Gehobenes Bürgertum“ vermutet Schmitt in seinem Buch als Nutzer: Das Haus ist schlicht und ohne jeden Prunk gebaut, aber ein bisschen Geld musste man dafür schon haben. Es ist in der damals neuartigen Ständergeschossbauweise errichtet, die im 14. Jahrhundert die Fundamente aus Holzpfählen ablöste: Das war langlebiger und erlaubte mehrere Stockwerke.

Wie lebte es sich im Wohnhaus anno 1319? Es gab einen beheizbaren und trotzdem rauchfreien Raum, die Bohlenstube, in der sich im Winter alle versammelten. Und nur hier gab es richtige Fenster, sonst nur hölzerne Klappläden. Der Rauch der Feuerstellen, etwa der Küche, zog durch das Haus, schwärzte die Balken und entwich am Dach durchs Rauchloch nach draußen.

Der Blick nach außen war wenig erbaulich: Die Straßen waren nicht gepfl astert, überall waren Ratten unterwegs. Bei Regen watete man durch den Schlamm, den Abfall kippte man in die Seitengassen. Erst seit 1751 sind die Besitzverhältnisse des Hauses dokumentiert. In der Bewohnerliste tauchen die Berufe Nachtwächter, Landsknecht und Grautucher (Tuchmacher) auf. Ebenso Schuster, Zimmermann, Obsthändler mit Laden im Erdgeschoss und ein Pfarrmesmer. In der Berufe-Liste durch die Jahrhunderte fi nden sich auch Wäscherin, Straßenknecht, Weber, Waffenschmied, Turnhallenaufseher und zuletzt Maschinenschlosser.

Seit 1799 ist der Name Glöckler bei den Eignern vermerkt, diese Familie hielt das Haus bis zum Schluss der Aufzeichnungen 1957. Irgendwann kaufte es die Stadt. Und wer lebte zuletzt in den 1980ern in dem total heruntergekommenen Gemäuer? „Es war eine Wohngemeinschaft“, lacht Poss. Es war auch die Zeit, in der sich die Städte darauf besannen, ihre alten Häuser als Baudenkmäler zu erhalten, statt sie mit dem Bagger zu beseitigen – was bei der maroden Zeughausgasse 4 eine Sache von Minuten gewesen wäre.

Neues Innenleben

Renovierer Günter Schmitt ging 1986 akribisch zur Sache, untersuchte das Haus, entkernte es und ließ im Grunde nur das originale Eichengebälk stehen. Das musste er erstmal neu justieren, um es vor dem Einsturz zu bewahren. Er besserte es aus, wo nötig, und baute zwischen den Balken ein neues, funktionales Innenleben so nah wie möglich am alten Vorbild: Das Lehmfl echtwerk wurde ausgebessert und wo nicht mehr vorhanden, rekonstruiert, und mit Biberschwanz-Dachziegeln (statt feuergefährdetem Strohdach). Dazu kamen moderne Zutaten wie Gasheizung, Stahltreppengeländer oder Niedervoltlampen, die Poss eigens für das Haus anfertigen ließ.

Der Plan, in dem offenen Raum im Erdgeschoss ein Architekturmuseum einzurichten, erwies sich aber als zu aufwendig. Aber es gibt dort immer mal wieder kleine Veranstaltungen, und Poss öffnet das Haus auch für Besuchergruppen. Er selbst lebt im Stadtteil Sandberg. „Aber man könnte hier natürlich auch noch wohnen“.

Uli Landthaler