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Wegkreuze: Innehalten am Straßenrand

Stolz auf ihr Werk: Karl Koch (Foto: Christina Benz)

Schnell sind sie übersehen, wenn man auf den Landstraßen, unseren einstigen Handelswegen, im Auto vorbeirauscht! Wie wenig nimmt man die Arbeit derer wahr, die sie pflegen und errichten. Und wie wenig weiß man eigentlich von ihnen, von ihren Inschriften, und warum sie entlang der oberschwäbischen Landschaft Menschen zum Innehalten einladen möchten. WOCHENBLATT-Redakteurin Christina Benz machte sich mit drei Männern vom Bauamt Mengen auf den Weg, die Geschichte der oberschwäbischen Wegkreuze zu erfahren.

Mengen – Karl Koch liebt sein Ehrenamt: Hier muss ein altes Wegkreuz restauriert, an anderer Stelle ein neues errichtet werden. Der ehemalige Friseurmeister aus Mengen ist keiner, der an diesen stillen Denkmalen vorbeirauscht. Er hat einen Blick für sie und ein Händchen. Gemeinsam mit Zimmermann und Schreiner Markus Heinzler vom Bauhof Mengen, Bauhofleiter Frank Baur und Azubi Jannik Falk hat er erst kürzlich das letzte von vieren auf dem meistbelaufenen Spazierweg Mengens,  dem Stadtgraben, aufgestellt.

Allein die Herstellung klingt wie eine Andacht: Aus dem Stadtwald kam das Eichenholz, ein ehrwürdiges Material für ein Kreuz. „Dem Stamm sägten wir das  Herz heraus“, wie man die Teilaushöhlung nennt, um die  Drehung des Stamminneren während des Trocknens zu vermeiden. Die Männer sägten, hobelten, stellten die Rückenverschalung her, „errichteten dem Christus ein Kreuz“, sagt Heinzler.

 „Dass ich einmal den Jesus ans Kreuz hänge, hätte ich niemals  geglaubt“, schmunzelt er. Irgendwie müssen die Männer vom Bauamt, die sich täglich ums Handfeste kümmern, eine solch seelisch-filigrane und doch grobe Werksarbeit humorvoll relativieren, wenn sie einen bewegt:  „Es ist etwas anderes, ob man einen Tisch hobelt oder ein Kreuz baut. Es ist emotionaler als das Alltagsgeschäft“, sagt Baur. Drei Tage werkelten die Männer. Drei Tage wie vom biblischen Tod bis zur Auferstehung. 

Dann sollte der Christus an sein Kreuz. „Damit er den Spaziergängern sichtbar ist und an sein Kreuz passt, benötigte er eine gewisse Größe, die aber nicht mehr hergestellt wird“, erzählt Koch. Überall gebe es nur noch Christusse bis zu 30 Zentimetern, sagt er. Fündig wurde er etwas weiter auswärts. „So wurde unser Christus zu einer Sonderanfertigung.“ Zu einem Unikat aus einer selbsthergestellten Form und handbemalt. Aus vier Bildern wählte Koch den Wunschchristus aus.Dann wurde die Hauptfigur geliefert. „Wie er da so in seinem Korb lag, kam schon eine gerührte Stimmung auf“, sagt Heinzler. Eine andächtige Stimmung habe sie erfasst, als sie das Kreuz am Stadtgraben aufrichteten. 

Lange sei es her, als Koch die Restaurantionsbedürftigkeit der Wegkreuze aufgefallen war. „Dann habe ich etwa 15 Kreuze restauriert, habe sie abgenommen und neue daraus gemacht. Wir haben Leute gefunden, die mitschaffen und das Projekt finanziell unterstützten.“ In den ältesten Wegkreuzen schlummert nicht nur die Geschichte unserer Region, sondern auch viele aus dem Leben unserer Vorfahren: die Verbundenheit mit einem Platz, ein Dankeschön oder eine Ablasszahlung bei begangenen Sünden: Je größer die Sünde, desto üppiger das Kreuz.

„Gott segne unsere Fluren“ ist dabei die häufigste Inschrift dieser Naturdenkmale. Als eine Prägung unserer auf Landwirtschaft und Handwerk basierendn Region, als eine Notbitte in kargen Zeiten, stehen sie in ganz Oberschwaben auch heute noch als Erinnerung, dass wir gerade in Zeiten der Klimaerwärmung uns wieder mehr auf die Verbundenheit mit dem Lebendigen besinnen sollen. Gerade im Totenmonat November.

Christina Benz