Pfarrer Günzler startet mit 53 Jahren neu durch

Pfarrer Stephan Günzler hinterlässt in Bad Saulgau auch eine sanierte und energetisch verbesserte Christuskirche. Foto: Birgit Mehl
Pfarrer Stephan Günzler geht! Zum 1. September wird er Chef der fast doppelt so großen evangelischen Gemeinde in Weingarten. Hier erzählt er, warum er das den Bad Saulgauern antut und dass er als Kind Schiffskoch werden wollte.
- Sie werden den Bad Saulgauern fehlen!
Stephan Günzler: Die Saulgauer werden auch uns fehlen. Wir haben uns als Familie rundum wohlgefühlt in diesem freundlichen Städtchen. Man grüßt sich noch, man feiert miteinander. Die Landschaft ist herrlich. Kulturell ist enorm viel geboten. Und alles lässt sich zu Fuß oder mit dem Fahrrad bequem erreichen. Ende 1996 sind wir von Neuhausen auf den Fildern hierher gezogen. Aber alle 10 bis 15 Jahre sollte ein Pfarrer seine Gemeinde wechseln, so ist es in der württembergischen Landeskirche üblich. Unser Sohn, der älteste unser drei Kinder, hat in diesem Jahr sein Abitur gemacht. Deshalb war für uns klar, dass wir zu diesem Zeitpunkt die Stelle wechseln wollten.
- Der Abschied fällt Ihnen hoffentlich schon ein bisschen schwer . . .!
Unser Beruf hat sehr viel mit Beziehungsarbeit zu tun. Viele Jugendliche, die ich konfirmiert habe, habe ich als Neugeborene getauft, habe ihre Einschulung mitgefeiert, ihren Opa beerdigt oder ihre Familie in einer Notsituation begleitet. Da wächst man zusammen über die Jahre.
Es tut schon ein bisschen weh, sich da loszureißen. Und doch ist es wichtig, dass wir einander auch loslassen können. Menschen kommen und gehen. Abschiede gehören zum Leben dazu.
- In Ihrer Zeit wurde die Christuskirche saniert und das alte Pfarrhaus zu einem modernen Kinderhaus umgebaut. Gibt‘s für Ihren Nachfolger überhaupt Paul Bräuchle noch was zu tun? Es ist angedacht, das Kinderhaus zu einem Kinder- und Familienzentrum auszubauen. Da steht die Kirchengemeinde schon in den Startlöchern, und auch mein Nachfolger hat sich schon sehr begeistert gezeigt von dieser Idee. Es ist richtig: Unsere Gebäude sind alle saniert und energetisch verbessert. Diese Woche wird als Letztes noch die Renovierung unseres zweiten Pfarrhauses fertig. Da bin ich auch ein bisschen stolz. Aber eine Gemeinde bleibt immer eine Baustelle. Wir sind lebendige Steine, heißt es in der Bibel. Es gibt viele Menschen in unserer Gemeinde, die den Bezug zur Bibel und zum Gottesdienst verloren haben und doch auf der Suche sind nach Halt und Orientierung für ihr Leben. Wir sollten sie aufsuchen und mit ihnen ins Gespräch kommen. Da sind viele neue Ideen gefordert.
- Was lag Ihnen selbst besonders am Herzen?
Mir ist wichtig, dass wir uns als Kirche nicht hinter unseren Kirchenmauern verstecken, sondern dass wir dort sind, wo die Menschen leben und arbeiten.
Wir sollten Verantwortung wahrnehmen in unserer Gesellschaft und uns nicht in unserer innerkirchlichen Nische zurückziehen. Deshalb habe ich mich stark gemacht für das Kinderhaus, das 1999 als erste Ganztageseinrichtung in unserer Stadt gegründet wurde, für die Ökumenische Altenbegegnung in unserem Gemeindehaus, den Diakonieverein und den Diakonieladen oder auch die Notfallseelsorge. Als Kirchengemeinde sollten wir über den Tellerrand schauen. Deshalb war mir die Ökumene und der Dialog mit den Muslimen ein besonderes Anliegen.t
- Woran werden Sie sich gern zurückerinnern?
Viele schöne Gottesdienste werden mir im Herzen bleiben, auch und gerade die Ökumenischen Festgottesdienste wie jetzt wieder beim Bächtlefest. Auch die Einweihung der Christuskirche war ein unvergessliches Fest. Einen Traum konnte ich mir erfüllen mit dem Gesangbuchprojekt „Da capo al fine“, wo wir in vier Jahren alle Lieder komplett in unserer Gemeinde zur Aufführung gebracht haben. Da konnte ich auch als Organist und Chorleiter mitwirken. Zehn Jahre lang habe ich den Posaunenchor aufgebaut und geleitet. Ich hab´s genossen, dass ich mich mit meinen beiden Studienabschlüssen als Theologe und als Kirchenmusiker in unserer Gemeinde einbringen konnte.
- Gibt‘s auch etwas, das Sie lieber vergessen würden?
Als das Kinderhaus im Jahr 2007 gebrannt hat, war das ein echter Schock. Auch an manche schwierige Nacht in der Notfallseelsorge denke ich nicht gerne zurück.
- Ihre Eltern sind auch Pfarrer. Haben Sie jemals über einen anderen Beruf für sich nachgedacht?
Als Kind träumte ich lange davon, Schiffskoch zu werden. Ich koche immer noch gerne, und ein Schiff zu besteigen ist für mich der schönste Einstieg in den Urlaub. Aber ich habe es nie bereut, Pfarrer geworden zu sein. Da bin ich vielseitig gefordert und kann mich einbringen mit meinen Gaben. Die Berufung ist bei mir zum Beruf geworden. Und ich freue mich, noch ein paar Jahre im Amt sein zu dürfen.
- Pfarrer haben nie Feierabend, und in der Notfallseelsorge sind Sie auch aktiv. Wie schaffen Sie das?
Für mich es wichtig, immer wieder auch Abstand zu gewinnen, um wieder Kraft zu schöpfen. Ein Stunde mit dem Rad durch das schöne Oberschwaben, ein Gläschen Wein mit Freunden oder eine Fuge aus dem Wohltemperierten Klavier von Johann Sebastian Bach, da kann ich auftanken. Und glücklich bin ich vor allem auch über meine Familie. Die gibt Halt, auch wenn sie einen fordert. Was bin ich froh, dass der tapfere Martin Luther es gewagt hat, seine Käthe zu heiraten.
- Worauf freuen Sie sich in Weingarten?
Ich freue mich auf die Glocken der Evangelischen Stadtkirche, die uns künftig morgens wecken werden mit ihrem warmen Klang. Wir dürfen in ein neu renoviertes Pfarrhaus einziehen. Auch die Stadt und die Kirchengemeinde haben wir bei unseren Besuchen dort als sehr aufgeschlossen und freundlich erlebt.
- Welche Projekte warten dort auf Sie?
Ein großes Projekt in der Evangelischen Kirche in Weingarten ist seit zwei Jahren die Vesperkirche. Diesen Winter waren wir schon mal als Gast dabei. Allein 200 Mitarbeiter waren dort engagiert. Dann werden mich die drei Kindergärten sicher stark beanspruchen. Und mit meinen beiden Kollegen zusammen will ich die Konfirmandenarbeit in den nächsten Jahren neu strukturieren. Wichtig wird für mich aber zunächst sein, den Kontakt zu den Menschen in Weingarten zu suchen und zu erspüren, was dran ist in der Gemeinde. Birgit Mehl
Festgottesdienst
Pfarrfamilie Günzler lädt zum Abschied zu einem Festgottesdienst am 22. Juli, 10 Uhr, in die Christuskirche Bad Saulgau ein.



