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Ravensburg
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02.08.2012

Cidre, Mord und nette Leute

Männer und ihre Maschinen: Harley-Davidson-Fahrer sind eine verschworene Gemeinschaft...

Fotos: johannes reichert / Ines Ebert

„Er hatte den Steg fast schon hinter sich gelassen, als sich ihm ein Anblick bot, der ihn abrupt stehen bleiben ließ. Sein Nacken versteifte sich und ein kalter Schauer jagte ihm den Rücken hinunter. Zwischen den bis in den See überhängenden Ästen einer Weide ragte der leblose Oberkörper einer Frau aus dem Wasser...“

Die rund 80 Zuhörer in der gerammelt vollen Gaststube des Gasthofs Hecht hängen gebannt an den Lippen der Wangener Autorin Ines Ebert. Die 63-Jährige liest gerade aus ihrem zweiten Roman, dem historischen Krimi „Sinnentaumel“. Das Besondere daran: Die um 1745 angesiedelte Mordgeschichte spielt direkt vor Ort, in der Badwirtschaft, die sich einst anstelle des „Hecht“ in Willerazhofen Bad, direkt am Ellerazhofer Weiher bei Leutkirch befand. „Die Badwirtschaft ist also nicht mehr, aber der See ist der gleiche geblieben“, kommentiert Verleger Titus Häussermann, in dessen Silberburg-Verlag der Roman erscheint, launig. Die Verlagsoberen sind übrigens fast in Mannschaftsstärke angetreten, um ihre Autorin zu unterstützen: Neben Mitverlegerin Christel Werner, die ebenfalls aus der Gegend stammt, sitzt auch Lektorin Bettina Kimpel mit am Tisch.

Original-Catering

Eine weitere Besonderheit: Auf dem Tisch stehen Krüge mit Johannisbeersaft- und Most-Schorle sowie Leitungswasser, lauter Getränke, die genauso im Roman vorkommen. Zudem hat das Wirtsehepaar Gerda und Dominikus Knöpfler samt Mitarbeitern ein Büffet gezaubert, das ebenfalls aus „Roman-Speisen“ besteht: Roggen-, Weizen- und Dinkelwecken, wahlweise belegt mit „Käse aus der Gegend“, Forellenfilet, Waldburger Schinken und Johannisbeermarmelade. Mann ist das gut Mann! Da greifen die Gäste nach der Lesung gerne zu, darunter auch Ortsvorsteher Josef Mahler aus Diepoldshofen und Autorinnen-Ehemann Jürgen Schumacher. Original-Catering am Originalschauplatz sozusagen.

Unter den Gästen ist auch der Ratzenrieder Heimatforscher Berthold Büchele, der neuerdings unter die Apfel-Cidre-Produzenten gegangen ist. „So einen wunderbaren Tropfen kriegen sie in keinem Geschäft“, schwärmt er über den normannischen Apfelschaumwein („Franzosen-Most“), den er aus oberschwäbischen Äpfeln, ausschließlich im November gelesenen und noch einige Zeit gelagerten späten Sorten, herstellt. 62 Öchsle anstatt der üblichen 40 bis 45, die oberschwäbischer Most gemeinhin erreicht, attestiert er seinem in Flaschen abgefüllten Edelgetränk, das ihm die Gäste förmlich aus der Hand reißen. „Dieser Cidre könnte den Ruf des Minderwertigen im Allgäu durchaus heben“, glaubt er. Und in der Tat: Die Most-Schorle auf den Tischen, die richtig sensationell schmeckt, ist keineswegs Most, sondern sein Cidre. Respekt! Ein rundum gelungener Abend! Christian Schwarz

Mit der Fat Boy zu Free Willy

Einmal im Jahr wird Wolfegg zum Woodstock der Harley-Davidson-Fans: Der Green Hills Run bei „Free Willi“ Miller ist Kult für die Fahrer der legendären US-Maschinen.„Wir kommen, weil’s halt Spaß macht,“ sagen Anita und Hubert auf ihrer Harley-Davidson „Fat Boy“. Das Besondere ist die Atmosphäre von Easy Rider und Amerikas Westen.

Geschaffen hat das Willi Miller, zusammen mit rund zwanzig Helferinnen und Helfern. Wie Erwin. Seit 1999 betreut er den Bierstand. Seine Harley-Davidson Sportster steht in der Reihe der im Sonnenlicht blinkenden Maschinen. Für Doris aus Bad Wurzach ist das Treffen von Gleichgesinnten wichtig. Auf ihrer Sportster genießt sie das Gleiten auf den Landstraßen mit den „barocken Kurven“. Organisator Willi Miller und Assistentin Anett Winterhalter (Bild) sind mit dem Wetter zufrieden. Der Regen kam erst am Sonntagmorgen gegen neun Uhr. Aber da war schon Aufräumen angesagt. Rund eineinhalb Tausend Zuhörer waren am Samstagabend im Bann der Bands Mick Pini und The Doors in Concert: „Riders on the Storm“ – der „Doors“-Hit passt zum Feeling. „Was muss man für so eine Maschine ausgeben?“ Eine fast unanständige Frage an einen Biker. „Da drüben steht eine für Fünfzigtausend.“ Aber echte Liebhaber wie Michael Späth aus Bad Wurzach finden auch preiswertere Lösungen.

An der Theke sitzt Biker Willi Brenner. Nach Kosten gefragt, sagt er: „Mein Moped kostet gar nichts! Wenn es abgestellt ist, braucht es kein Heu und kein Hafer!“ Seine Maschine ist ihm als Trost geblieben. Noch ein Fläschchen Bier und die Geschichte drängt aus ihm heraus: Krankheit, Einkommensverlust, Frau und ihre beiden Pferde weg. Der gebürtige Berliner lebt in einem Allgäuer Dorf, solche Harley-Davidson-Treffen möchte er um keinen Preis missen. Originalton: „Ick fahre überall hin!“ J. Reichert