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16.02.2017

"Brauchen eine echte Wertedebatte"

Ahmad Mansour

Der Islamismus-Experte Ah­mad Mansour hatte bei seinem Vortrag in Laupheim eine klare Meinung, warum der Kampf gegen den religiösen Extremismus derzeit nicht funktioniert: Laut Mansour grenzt die Naivität vieler deutscher Politiker bei diesem Thema an Dummheit. Und mit dem Satz „Das hat nichts mit dem Islam zu tun" werde eine Debatte innerhalb der islamischen Gemeinschaft verhindert.

Laupheim – „Nicht jeder Salafist ist ein Terrorist, aber fast jeder Terrorist ist ein Salafist", erklärt Mansour. Der Psychologe und Islamismus-Experte ist in einer arabischen Familie in Israel aufgewachsen und lebt seit 2004 in Deutschland. Bei der HAYAT-Beratungsstelle berät er unter anderem Familien mit radikalisierten Kindern. Aus seiner Sicht muss die Gesellschaft verhindern, dass aus muslimischen Jugendlichen, die für die salafistische Ideologie empfänglich sind, richtige Salafisten werden. „Das sind Jugendliche, die Teil unserer Gesellschaft sind, aber elementare Werte dieser Gesellschaft ablehnen. Diese Jugendlichen müssen wir zurückgewinnen." Das sei der beste Schutz vor zukünftigen islamistischen Terroranschlägen. Neben der Mehrheitsgesellschaft ist laut Mansour dafür aber auch eine Debatte innerhalb der muslimischen Community nötig. Vor allem die Vertreter des politischen Islam würden sich zu oft hinter der vermeintlichen Opferrolle verstecken. Mansour über:

Weitere Infos zu Ahmad Mansour gibt es unter www.ahmad-mansour.com

Mehr zur HAYAT-Beratung unter www.hayat-deutschland.de

• Anfällige Jugendliche: „Jugendliche sind dann offen für radikale Ideologien, wenn sie in einer persönlichen Krise stecken und in ihrer Familie keinen Halt finden." Diese Situation müssen Eltern, Lehrer oder Sozialarbeiter rechtzeitig erkennen. „Ich selbst wurde mit 13 in der Schule gemobbt, konnte nicht so gut Fußball spielen wie die anderen und wollte irgendwann gar nicht mehr aufstehen. Der einzige, der diese persönliche Krise erkannt hat, war mein Imam. Er nahm mich auf, durch ihn gehörte ich plötzlich zu einer Elite. Meinen Eltern, die mir nichts erlaubten, konnte ich jetzt vorhalten, sie seien keine richtigen Muslime. Es war ein bisher unbekanntes Machtgefühl für mich." Als Jugendlicher wäre Mansour fast selbst zum radikalen Islamisten geworden.

• Die attraktive Ideologie: „Die Salafisten haben eine Marktlücke entdeckt und diese perfekt ausgefüllt. Die meisten Moscheen richten sich hauptsächlich an Einwanderer der ersten Generation. Dort spricht man türkisch oder arabisch und es geht um die Themen aus der alten Heimat." Die Salafisten dagegen sprechen die Sprache der Jugendlichen, mit Bildern und Videos, und gehen auf deren Probleme ein. „Und das Beste für die Jugendlichen: Sie müssen nicht einmal in eine Moschee, sondern finden jederzeit online Rat."

• Überforderte Lehrer: „Die Lehrer müssen viel mehr in den Themen drin sein, die die muslimischen Jugendlichen bewegen. Sie müssen zum Beispiel Antworten zum Nahost-Konflikt geben können. Sonst suchen sich die Jugendlichen diese Antworten wo anders." Außerdem müsste in den Lehrplänen mehr Zeit eingearbeitet werden, um die Jugendlichen zum kritischen Denken zu bewegen.

• Naive Politiker: „Wenn zur gemeinsamen Ansprache bei der Gedenkveranstaltung nach dem Berlin-Anschlag aus vier Millionen Muslimen zwei ausgesucht werden, von denen einer der Gülen-Bewegung angehört und der andere ein salafistischer Imam ist, dann ist das eine Naivität, die an Dummheit grenzt."

• Digitale Sozialarbeit: „Die Jugendlichen sind heute nicht mehr drei Stunden im Jugendclub um die Ecke und kicken. Sie sind sechs Stunden in den sozialen Netzwerken." Dort müsse man sie mit gezielten Kampagnen abholen, damit es nicht die Extremisten tun.

• Religionsunterricht: „Die Trennung des Religionsunterrichtes nach Konfessionen muss aufhören." Damit die Kinder von klein auf die anderen Religionen kennenlernen.

• Debatte im Islam: „Wir brauchen dringend einen inner-islamischen Diskurs." Mit dem Satz „das hat nichts mit dem Islam zu tun" würden sich die Muslimverbände vor ihrer Verantwortung drücken und die Debatte im Keim ersticken. Für sie sei es leichter, einfach die Rassismus-Keule zu schwingen und sich als Opfer zu geben.

• Falsche Toleranz: „Wenn tausende Mädchen in einer Stadt nicht zum Schwimmunterricht dürfen, müssen wir handeln." Laut Mansour darf die Gesellschaft das Geschlechterbild des radikalen Islam nicht einfach akzeptieren. Die Tabuisierung der Sexualität im Islam führe dazu, „dass Frauen in Deutschland getötet werden, weil sie aus ihren patriarchalischen Familien ausbrechen wollen. Wer solche Vorstellungen verbreitet, macht sich mitverantwortlich für Vorkommnisse wie an Silvester im letzten Jahr in Köln."

• Integration: „Integration ist mehr als ein Arbeitsplatz. Ein Arzt, der seine Tochter nicht zum Schwimmunterricht lässt, ist nicht integriert." Mansour fordert eine echte Debatte über die Werte, die unsere Gesellschaft ausmachen. Auch wenn das für manche bedeutet, sich von der vermeintlich heilen Welt verabschieden zu müssen. „Fragen Sie einen muslimischen Vater, was er von der Gleichberechtigung hält, wird er sagen: Finde ich gut. Interessant wird es, wenn Sie ihn fragen, was er macht, wenn seine 18-jährige Tochter einen Freund hat."