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   Titelthema Donnerstag, 11. März 2010  

Es war der Abend des Benjamin Giesel – aber …


Es war der Abend des Benjamin Giesel – aber …



Ich muss zugeben, dass dieser Benjamin Giesel am Renerpult im dunklen Anzug, mit weißem Hemd, gedeckter Krawatte, mit Turnschuhen, der gepiercten Unterlippe und dem Knopf im Ohr auch mich überraschte. Doch noch mehr überraschte mich in der Stadthalleder spontane Szenenapplaus des Großteils der etwa 500 Zuhörerinnen und Zuhörer bei der Bewerbervorstellung für die Biberacher OB-Wahl.
WOLFGANG GRÖNER




Bewerben sich mit mehr oder weniger Aussicht auf Erfolg um das Amt der Biberacher Oberbürgermeisters: (v.l.) Benjamin Giesel (26), Uli Stöckle (46) und Amtsinhaber Thomas Fettback (51). FOTO: W. GRÖNER

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Zugegeben, die Argumente des 25-jährigen gelernten Kochs, der seit einem Jahr die Fachhochschulreife mit Fachrichtung Biologie erwerben möchte, kamen allgemein gut an. Vom Blatt las Giesel mit anfangs zittriger Stimme ab („Entschuldigung, aber ich habe die letzten Nächte vor Aufregung kaum geschlafen“), dass das Geld für die Verglasung der Rathausarkaden sinnvoller in die Jugendarbeit gesteckt werden sollte, dass er mit seiner Kandidatur die Politiker darauf aufmerksam machen möchte, sich mehr um die Anliegen von Jugendlichen zu kümmern, dass er Jugendliche und junge Leute dazu anregen möchte, sich ebenfalls politisch zu engagieren und dass er in Biberach ein richtiges Festival wie das in Neuhausen ob Eck, das Southside- Festival, vemisse. Wenig glaubwürdig dagegen die Beteuerung von Benjamin Giesel, seine Bewerbung als OB-Kandidat sei keine Respektlosigkeit vor dem Amt oder dem Amtsträger. Wer von sich selbst behauptet, nur „Randbeobachter mit Aussicht auf ein Prozent der Stimmen“ zu sein, kann keinen Respekt vor den Aufaben eines Oberbürgermeisters haben. Die aktive Jugendarbeit als Leiter und Teilnehmer bei Jugendfreizeiten der KSJ Biberach und in der Schülermitverwaltung an der Matthias-Erzberger-Schule in Biberach dürften kaum ausreichend sein für die Qualifikation als Nachfolger von Thomas Fettback, auch wenn nach unseren demokratischen Grundregeln eine derartige Bewerbung mit geringen Vorgaben zulässig ist. Dazu gehört trotzdem mehr als vorzugeben, man „möchte Jugendliche und junge Erwachsene dazu animieren, aus ihrem Winterschlaf zu erwachen und ihn als gutes Beispiel dafür zu nehmen, dass man selbst als junger Mensch politisch was beitragen kann.“ Warum dann dieser immer wieder spontane Applaus für den 25-Jährigen? Der geht eindeutig auf das Konto von Giesels Mitbewerbern. Das ist zum einen der 46-jährige Uli Stöckle, der Geschäftsführer (?) als Beruf angibt, den Eindruck hinterließ, sein Auftritt in der Stadthalle sei von seinem Frisör gesponsert und dessen eigenes Handy bereits nach wenigen Minuten seine zynischen Bemerkungen in Richtung Biber Bertram und an Fettbacks bisheriger Arbeit als Oberbürgermeister unterbrach. Auch Stöckles Vorwurf, die Leute hätten Angst ins Rathaus zu gehen, wenn sie Fragen zu bestimmten Themen hätten, führte nur zu Kopfschütteln im Publikum. Fazit: Uli Stöckle präsentierte sich mathematisch gesehen als eine zu vernächlässigende Größe. Und der Amtsinhaber? Man hatte den Eindruck,Thomas Fettback wollte seine sämtlichen Pläne für die kommenden acht Jahre in seine 20-Minuten-Rede packen. Er wirkte nervös, hatte den Kopf vermutlich zu voll. Wer so fest im Sattel sitzt wie der Biberacher Oberbürgermeister, sollte deshalb ruhig öfters lächeln.

Erschienen am Donnerstag, 28. Januar 2010

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